
Ich lese gerade Empusion von Olga Tokarczuk, im Untertitel Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte. Im Klappentext steht, es sei ihre Antwort auf Thomas Manns Zauberberg.
Und in der Tat, die Geschichte spielt im Jahr 1913; ein junger Mann reist in die Berge, um sich von seiner Lungenkrankheit zu kurieren. Allerdings nicht nach Davos, sondern nach Gröbersdorf, Niederschlesien. Sozusagen die niedriger gelegene Variante.
Von Anfang an bin ich begeistert davon, welch meisterhafte Sätze Olga Tokarczuk zu weben versteht, welch komplexe rhythmische Strukturen sie dadurch erzeugt. Keinerlei Subjekt-Verb-Objekt-Konstruktionen. Nichts davon, dass man ständig einen Punkt setzt, um möglichst kurze Sätze zu formulieren, was derzeit so in Mode zu sein scheint (jedenfalls ist das mein Eindruck, wenn ich neue deutsche Literatur lese).
Nein, sie traut sich nicht nur, häufig mit Nebensätzen zu beginnen („Als Wojnicz …“), sondern verwendet eine beinahe altertümliche Sprache, benutzt Wörter wie „gleichsam“ und „mithin“, wodurch sie vermutlich Thomas Manns Sprachverwendung ironisch spiegelt.
Zwei Wörter musste ich bereits nachschlagen, da ich sie nicht kannte! So etwas passiert mir in anderen Romanen eher selten (obwohl man natürlich bei jeder Lektüre etwas dazulernt).
Dennoch wirkt das nicht gestelzt! Der ein oder andere kurze Ausruf ist ebenfalls eingefügt, manchmal kurze Aufzählungen – ihr Stil wirkt abwechslungsreich und erfrischend.
Und Adjektive! Ich habe mir angewöhnt, nur noch wenige Adjektive zu benutzen, damit meine Texte nicht allzu überladen wirken – doch nach dieser Lektüre denke ich darüber nach, sie doch wieder etwas mehr zu Wort kommen zu lassen.
Was die Charakterisierung der Hauptfigur namens Mieczysław Wojnicz angeht, so finden wir von Anfang an Hinweise darauf, was den jungen Mann vor allen anderen Dingen zu interessieren scheint: Er beschreibt Stoffe. Wie sie sich auf der Haut anfühlen, wie sie fallen. In einer der ersten Szenen, in denen das deutlich wird, beschreibt er die Erinnerung daran, einmal … (Satin oder Seide) an den Beinen gespürt zu haben.
Seine Homosexualität wird angedeutet, ohne dass sie offensichtlich wird (jedenfalls jetzt, zu Beginn des Buches – ich bin noch im ersten Drittel). In seiner Kindheit und Jugend fehlte ihm die Mutter – nur teilweise wurde sie ihm durch sein Kindermädchen Gliceria ersetzt (was für ein Name!). Der Vater erzog ihn mit Strenge und im Geiste der „Rationalität“. Er hatte nichts weiter für Frauen übrig, außer ihrer biologischen Funktion; die Gründe dafür bleiben bisher offen.
Olga Tokarczuk traut sich, einen allwissenden Erzähler berichten zu lassen, der sogar die Leserschaft in ein angeblich mitwissendes „Wir“ miteinbezieht. Sie spielt also mit dieser altertümlich anmutenden Erzählstrategie, nutzt sie aber durchweg ironisch.
Ich vermute, dass sie auch die Männerfiguren, die bisher in diesem Kurort im Gästehaus anzutreffen waren, noch ordentlich durch den Kakao ziehen wird. Nach dem Selbstmord – oder Mord? – an der Ehefrau des Gastgebers einer kleinen Pension diskutieren sie darüber, dass Frauen jegliche „Rationalität“ fehle…
Doch schon kurze Zeit später legt einer der Herren, mit dem sich „unser Mieczysław“ anfreunden möchte, im privaten Gespräch offen, dass das Opfer jahrelang misshandelt und gedemütigt worden war, dass es sich also wohl doch eher um einen Mord handeln, oder dass die arme Frau zum Selbstmord gedrängt worden sein könnte…
Ich vermute, dass sich daraus ein Kriminalfall entwickeln wird… Denn auch andere Tote soll es in dem Ort bereits gegeben haben, ganze Leichenstücke wurden schon im Wald gefunden! Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Klare Empfehlung!
Ach ja: Der Romantitel „Empusion“ ist ein Wortspiel aus zwei Begriffen: Die „Empuse“ ist eine weibliche Spukgestalt aus der griechischen Mythologie, die sich ihrem Gegenüber als Tier oder als Frau präsentiert. Das verweist auf die Männerrunde, mit der der junge Mieczyslaw im „Gästehaus für Herren“ viel Zeit mit sehr gesprächigen Mit-Patienten verbringt. Dies habe ich https://www.deutschlandfunkkultur.de/olga-tokarczuk-empusion-104.html hier nachgelesen.

Ich wohne nur wenige Minuten von der Albertina entfernt. Die Albertina ist eine Bibliothek der Universität Leipzig. Schaut euch das Foto an: Ist sie nicht wunderschön restauriert? Echter Marmor, oben ein Glasdach… Auch die Lesesäle sind herrlich!
Hier bin ich oft zum Schreiben.
Die Albertina ist bei Studis sehr beliebt. Vor allem zu Prüfungszeiten findet man kaum noch freie Plätze. Man lernt gemeinsam im „Café Alibi“ oder sitzt entspannt vor dem Eingang in der Sonne und redet und lacht…
Für viele ein sozialer Treffpunkt.
Immer wieder sieht man auch ältere Menschen, meist die Eltern, die vom studierenden Nachwuchs stolz durch die Hallen geführt werden. Oder Tourist:innen. Sie bestaunen den eklektischen Stil vom Ende des 19. Jahrhunderts. Immer wieder lassen sich Brautpaare auf den herrlich bunten Stufen von Profis ablichten.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude getroffen. Das kann man auf großen schwarz-weißen Bildern nachvollziehen, die im langen Gang Richtung Café hängen. Man erkennt, wie einzelne Personen versuchten, die Bücher vor dem Brand zu bewahren.
Zum Glück sind viele Kostbarkeiten erhalten. Einmal durfte ich ganz oben in den Bereich, in dem die Sammlung alter Manuskripte einzusehen ist. Uralte Buchstaben, teils chinesisch, arabisch, hebräisch, auf Seiten, die jeden Moment auseinanderfallen könnten. So alt! Diese Seiten in Händen zu halten! Wer möchte, kann hierfür einen Termin vereinbaren. Es lohnt sich!
Meistens bin ich allerdings hier, da ich hier wirklich konzentriert arbeiten kann. Keine Ablenkung durch die üblichen Verdächtigen: Putzen oder Essen. Oder schlimmer noch: Videos schauen auf Youtube!
Nein, hier herrscht eine Stimmung, die ich von nirgendwo anders so kenne. Sicherlich, ab und zu ertönt ein Geräusch, aber insgesamt sind alle fokussiert und vor allem leise.
Ich liebe es. Ich könnte nicht so viel arbeiten und schreiben, wenn es diesen Ort nicht gäbe…
Wie geht es euch? Habt ihr einen ähnlichen Ort, der euch hilft, euch in die Arbeit zu stürzen?
