Das Fitnessstudio liegt direkt neben Rewe, Penny und dm, dahinter ein Baumarkt. Unzählige Parkplätze, riesige Fläche. Blech und Beton.
Ich gehe durch den roten Torbogen, auf dem in großen Lettern „Eingang“ steht. Als ob das für dumme Leute wäre, die sonst den „Eingang“ nicht finden. Wer hat sich das ausgedacht?
Ich setze mir die Kopfhörer auf, stecke mir die drahtlosen Dinger ins Ohr, verbinde mich mit dem Gerät. Hole die Chipkarte raus, gehe durchs Drehkreuz, Pieps, grünes Licht, ich bin drin.
Sofort weht mir ein Geruch nach Schweiß, Gummi und Metall um die Nase. Fast alle Maschinen sind in Bewegung, werden von Menschen bewegt, die dadurch ihre Handys laden. Wer läuft oder radelt, bekommt Strom.
Ein schlanker Mann stapft unentwegt Treppen nach oben, andere strampeln sich an den Cross-Trainern ab, die Blicke auf den Bildschirm gerichtet, immer in Bewegung, kommen sie doch nicht vom Platz.
Extrem viele Frauen in solchen Hosen, die den Arsch überbetonen. Seit wann gibt es die noch mal? Seit drei, vier Jahren? Seit wann sind Ärsche so wichtig geworden?
Ich gehe durch die Halle Richtung Umkleide, mein Podcast startet erst nach der Werbung: Ich soll zu Shopify wechseln, richtig Geld scheffeln. Eine Firma gründen im Internet. Die Plattform verspricht: “Der Check-out mit der besten Conversion!” und gleich noch einmal, diesmal mit Hall unterlegt: “Der Check-out mit der besten Conversion!”
Was soll das bedeuten?
Heißt Conversion, dass Menschen dazu “converted” werden, also dazu bekehrt, bei mir zu shoppen? Aus Eyeballs werden Klicks, werden Likes, werden Zahlen, die sich dann auf meinem Konto summieren? Wenn das mal nicht der Sinn des Lebens ist…
Mein Podcast beginnt mit dramatischem Intro: Politics Weekly.
In der Frauenumkleide läuft hingegen unentwegt der Föhn. Es ist eng, voller Körper, die sich gegenseitig an den Schrankfächern vorbeidrücken. Jung, lesbisch oder nicht, Haare lang oder kurz. Nackte Haut, dick, dünn, breit. “Unverschämt” oder verschämt. Rasiert oder nicht. Viele sind tätowiert. Der Körper, dein persönliches Projekt.
Die Frauen gehen freundlich miteinander um, doch es herrscht eine seltsame Stille. Nur zwei Mädchen flüstern und kichern; der Rest vertieft sich in seine Tätigkeiten: einseifen, abduschen, packen oder Blick in den Spiegel. Die meisten tragen Kopfhörer wie ich – es sei denn, sie stehen gerade unter der Dusche.
Umgezogen, los geht’s, runter in den Trainingsbereich. Hier sind nun auch die Männer. In die Free Weights-Area traue ich mich noch nicht, das sieht mir zu krass aus. Vor allem müsste ich mir bei jeder Maschine exakt das Gewicht, die Sätze, die Anzahl von Wiederholungen merken.
Nee, nee, das lass ich lieber meine App aufschreiben: Ich scanne jedes Gerät, die App sagt mir, wie viele Kilo ich letzte Woche gestemmt habe.
Ich arbeite ein Gerät nach dem anderen ab. Menschen schwitzen. Die Luft ist stickig.
An der Wand hängt ein Schild: „Hinterlasse Eindrücke, keinen Schweiß!“ Fast alle halten sich daran und wischen brav mit Desinfektionsmitteln ab, keiner hinterlässt bleibende Spuren.
Ich sehe alte Körper, junge Körper. Übertrieben muskulöse Körper, anorektische Körper. Dunkle Haut, helle Haut, rötliche Haut, Pickel. Hängende Bäuche, Glatzen, Muskel-Titties, die man vermutlich auf Befehl zucken lassen kann. Im Hintergrund läuft sportlicher Techno-Beat, der einen antreibt.
Ich höre jedoch Nachrichten, Krise, Bomben, Tod. Ölkrise, Nahrungskrise, Alarm. AI, AGI. Singularity. Analyse. Folgen. Arbeitsmarkt. Massensterben. Boom. Kommentar. Was sagen die Obersten, wie reagieren sie? Die Sprechenden versuchen, optimistisch zu bleiben, trotz allem. Zum Abschluss jeder Folge etwas Positives.
Ich schaue mich um. Was die anderen wohl hören? Ein Hörbuch? Musik? Alle tragen Kopfhörer.
Niemand ist sich feindlich gesinnt. Man macht sich gegenseitig höflich Platz, manchmal ein kleines Lächeln. Sehr selten ein kurzes Gespräch.
Immer wieder heimliche Side-Eyes zu den besonders durchtrainierten Körpern. Immer wieder der kontrollierende Blick in den Spiegel. Im Maschinenraum der Selbst-Optimierung.
Nach etwa einer Stunde bin ich durch. Wasche mich, bekleide mich. Raus durch das Drehkreuz. Pieps, ich bekomme grünes Licht.
Mein Besuch wurde gezählt, jede Minute ermittelt. Wie viele Gewichte ich hob, ob es mehr war als an den Tagen zuvor. Zeigt die Kurve nach oben? Geht da noch was?
Ich setze die Kopfhörer ab und trete in die Pedale. Ein Auto schneidet meinen Weg – ich muss aufpassen – Berufsverkehr.
Doch im Kopf hallt es weiter. Der Techno-Beat pulsiert noch in meinen Ohren, ein Rhythmus, der meine Trittfrequenz diktiert. Und über dem Bass die Stimmen der Nachrichten: Krise. Alarm. Singularity.
Sie mischen sich mit den Geräuschen der Stadt.
Ich radle durch den Park. Ein Vogel singt. Ein einzelner, klarer Ton.
Wenigstens das.

