Von Anfang an hatte er ein schlechtes Gefühl gehabt. Der Anruf war nachts gekommen. Er hatte Bereitschaft. Schnell zog er sich an, das war in seinem Beruf reine Routine. Seit zwanzig Jahren war er in diesem Ort Hausarzt und musste jedes dritte Wochenende den Notdienst übernehmen.
Kurz zuvor hatte er noch die Sirene gehört, seine große Tochter war ebenfalls schon unterwegs. Jahrelang hatte sie Freiwilligendienst bei der Feuerwehr geleistet und pflichtbewusst hatte sie sich auch heute aus dem Bett gequält, obwohl sie eigentlich nicht müsste.
Schon längst studierte sie in der Großstadt Medizin, so wie er es einst getan hatte, und kam nur noch an Wochenenden heim. Die Tür zu ihrem Zimmer hatte sie offen gelassen. Er warf einen kurzen Blick hinein. Die Laken waren noch zerwühlt, ansonsten war alles ordentlich aufgeräumt. Die Bücher lagen schon auf dem Tisch, bereit zum Lernen für den kommenden Tag.
Auch die Tür zum Zimmer seines Sohnes stand auf – mit grimmiger Miene betrachtete der Arzt die Bongs, die am Fenster des Kinderzimmers aufgereiht standen, die Papers, die Tabakkrümel, diese ganzen vermaledeiten Utensilien zum Kiffen. Er musste los.
Schon von weitem konnte er Blaulicht sehen. Der Unfall war auf der Umgehungsstraße passiert, in der Kurve nicht weit von der Ortseinfahrt. Er nahm zügig die Auffahrt.
Neben den Sanitätern und der Feuerwehr stand die Polizei. Nur den Unfallwagen konnte er von hier noch nicht erkennen. Er stellte sich hinter den letzten Wagen und stieg aus.
Eigentlich war es ein schöner Morgen, bald würde die Sonne aufgehen, es dämmerte bereits sanft im Osten. Er atmete tief durch und ging zum Einsatzwagen. Er kannte alle hier, jeden Einzelnen. Manche hatte er bereits seit Kindertagen in der Praxis sitzen gehabt. Doch etwas war anders als sonst, er konnte es an dem Ausdruck in den Gesichtern lesen. Sie sahen ihn mit furchtsamer Miene an. Der Einsatzleiter, ein großer, kräftiger Mann, kam auf ihn zu. “Jan”, sagte er, “mach dich auf etwas gefasst.” Er deutete auf den Unfallwagen.
Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Der Wagen. Er erkannte ihn sofort. Es war das lächerliche Gefährt, das sich sein Sohn in einem Anfall von Größenwahn zugelegt hatte. Das sie ihm geschenkt hatten, um genau zu sein, er und seine Frau. 50.000 Euro. Ein schwarzes Cabrio.
Die Bremsspur war schwarz in die Straße eingebrannt, man sah eine Kurve in die falsche Richtung gehen, Richtung Straßenrand, wo die Seiten hoch aufgeschüttet waren. Das Auto lag verkehrt rum und war von allen Seiten massiv zerdellt. Es musste sich mehrfach gedreht haben, bevor es aufschlug.
Mehrere Feuerwehrleute arbeiteten bereits mit der Schneidemaschine am Gefährt, um es zu öffnen. Oft genug hatte er ihnen dabei zugesehen, aber noch nie war ihm dabei so zumute gewesen wie heute. “Gott”, dachte er. Einen weiteren Gedanken konnte er nicht denken. Sein Kopf war so leer, als wäre er ausgepustet.
Jemand saß auf dem Beifahrersitz, ein junges Mädchen, die Stirn voller Blut. Sie war bewusstlos, wurde vorsichtig herausgehoben und direkt auf eine fahrbare Trage gelegt. Er sah zu ihr hin, nahm ihr den Puls ab. Das Herz schlug. “Muss stabilisiert werden”, sagte er. Die Sanitäter nahmen sich ihrer an und brachten sie fort.
Um an den Fahrer zu kommen, musste der Wagen angehoben und gedreht werden. Auch das kannte er, doch noch nie war ihm dabei jede einzelne Sekunde vorgekommen wie Minuten. Sein Herz schlug laut, er hatte einen trockenen Mund. Dann trat er an die Scheibe des Wagens. “Luca”, sagte er, sonst nichts. Er merkte die Blicke der anderen auf sich und trat zurück, um auch hier die Einsatzkräfte ihre Arbeit tun zu lassen, gleichzeitig bäumte sich in ihm eine wütende Hoffnung auf. “Du lebst”, befahl er seinem Sohn innerlich, “du tust jetzt einfach mal, was man dir sagt, und lebst!”
Er zählte in Gedanken bis 10, dann 20, dann bis 30, um sich zu beruhigen. Bei 158 war sein Kind endlich draußen und befreit von der Blechkiste. Schlaff war der Junge, viel zu schlaff. Er sah ihm ins Gesicht und fühlte den Puls.
Nichts.
Er sah auf die Uhr.
Immer noch nichts.
Die Zeit verrann weiter.
Seine Tochter stand plötzlich neben ihm.
“Wiederbeleben!”, schrie sie und begann mit der Arbeit, zerschnitt ihrem Bruder das Hemd, “wir holen ihn zurück”, sagte sie verbissen und legte den Defi an. Wie schmächtig seine Brust aussah, wie schmal. Zack! Erster Schock, seine Tochter begann zu reanimieren, einer der Sanitäter versuchte, sie abzulösen, doch sie ließ ihn nicht ran. “Das ist mein Bruder”, brachte sie zwischen zwei Atemstößen hervor. “Wir holen ihn.”
Er stand nur daneben. Ein grauer Schleier, wie Nebel, hatte sich über alles gelegt. Er merkte, wie ihm der Boden unter den Füßen beinahe wegsackte.
Irgendwann fand er sich auf einem Stein sitzend wieder, ohne dass er wusste, wie er dahingekommen war. Jemand hatte ihm einen Kaffee in die Hand gedrückt und er sah wie durch einen Schleier, dass sie immer noch versuchten, ihn zu holen. Inzwischen stand seine Tochter aber nur noch daneben und sah mit starrem Blick den Mühen der anderen zu. Ab und zu hob sie den Kopf und sah ängstlich zum Vater.
Langsam stand er auf. Ein Blick auf die Uhr, es war 4:48 Uhr, die Sonne war gerade aufgegangen. Dann stand er wieder bei seinem Sohn und betrachtete dessen Gesicht, das völlig unschuldig, kindlich, verträumt aussah. Die Haarsträhnen fielen ihm über die Augen.
“Ich habe ihn in den letzten Monaten kaum noch nüchtern gesehen”, dachte er, und: “Ich habe ihm nicht mehr gesagt, dass ich ihn liebe.”
“Lasst gut sein”, sagte er laut. Und fügte tonlos hinzu, eher zu sich selbst: “Es ist umsonst.”
Sein Atem war wie Eisen in der Brust.
“Er ist tot.”

